Warum das tagesschau24-Aus den Rundfunk in Deutschland bedroht
Kommentar
Tagesschau24, ARD-Alpha und One - alle drei Sender sollen zum Ende des laufenden Jahres eingestellt werden. Das haben die Intendanten von ARD und ZDF heute angekündigt. Einfach so.
Dass ARD-Alpha und One früher oder später aus dem TV verschwinden würden, war wohl jedem Branchenkenner klar. Doch dass auch der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender tagesschau24 gestrichen wird, ist mehr als eine Farce. Es ist das Ende seriöser, öffentlich-rechtlicher Nachrichten und Einordnungen über lange Livestrecken hinweg, wie wir sie von tagesschau24 kennen.
Es geht dabei insbesondere nicht um die Bekämpfung von Fake News – dazu könnten die Zuschauer auch beispielsweise auf n-tv oder die Website der tagesschau ausweichen. Das tagesschau24-Aus bedroht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland.
Dazu braucht es einen kleinen Rückblick in die Entstehung unseres heutigen Rundfunksystems: Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die alliierten Mächte eine Ausbreitung privatwirtschaftlicher Medien und Verlage einschränken, um zu verhindern, dass etwa Fernsehsender auf eine werberelevante Zielgruppe angewiesen sind und ihr Programm dafür eher am Gusto der Zuschauer als an den so wichtigen Fakten orientieren. Man nahm dafür die Medienlandschaft Großbritanniens zum Vorbild und orientierte sich bei der Gründung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten an der BBC. Der erste private deutsche Fernsehsender, Sat.1, gründete sich im Übrigen erst 1984.
Der erste reine Nachrichtensender, der privatwirtschaftlich organisiert war, trägt bis heute den Namen „n-tv“ und folgte noch einmal acht Jahre später. Erst seit 2003 sendete „EinsExtra“, wie tagesschau24 zunächst hieß, längere Nachrichtenstrecken, stand damit aber sofort in Konkurrenz zu n-tv und WELT.
Jetzt habe man sich gefragt, welche die reichweitenstärksten und erfolgversprechendsten Angebote für die jeweilige Zielgruppe seien, „egal wer sie bisher veranstaltet hat“, sagte ZDF-Intendant Norbert Himmler dem Branchenmagazin DWDL. Man wolle sich in Zukunft gemeinsam mit der ARD auf drei Marken fokussieren: „phoenix“, „neo“ und „info“. Fällt Ihnen etwas auf? Ein Nachrichtensender, der zu n-tv und WELT weiterhin eine öffentlich-rechtliche Konkurrenz bietet, fehlt vollständig. Denn die neuen Dachmarke „info“, die aus „ZDFinfo“ hervorgeht, soll als linearer Dokumentationskanal bestehen bleiben, „neo“ soll weiterhin junge Erwachsene ansprechen. Für die Informationsbeschaffung des geneigten Fernsehzuschauers bleibt „phoenix“ – doch der Dokumentations- und Berichterstattungssender kann mit den klassischen Nachrichtensendern nicht Schritt halten. Man wolle das Profil von phoenix zwar schärfen, sagte ARD-Intendant Florian Hager gegenüber DWDL. Doch die konkreten Ansätze fehlen noch: „Das Kerngeschäft sind in Zukunft aktuelle Liveberichterstattung über politische und gesellschaftliche Ereignisse, Parlamentsdebatten, Analysen und Hintergrund", so Hager. Die Federführung von phoenix soll unterdessen vollständig vom ZDF zum WDR überlaufen, die Nachrichten sollen dann sowohl von Ersterem als auch von der ARD kommen. Doch eine eigene Nachrichtenredaktion ist phoenix nicht vergönnt.
Mit dem Verlust von tagesschau24 wird die öffentlich-rechtliche Medienlandschaft um ein Vielfaches ärmer – zeigen auch die Zahlen: Bei der Sonderberichterstattung über den Krieg im Nahen Osten am vergangenen Sonntag lag der Marktanteil des öffentlich-rechtlichen Nachrichtensenders mit bis zu 183.000 Zuschauern stellenweise bei bis zu zwei Prozent. Zwar konnte n-tv teilweise fast 300.000 Zuschauer mehr für seine Livestrecke gewinnen. Doch die tatsächliche Zahl der tagesschau24-Zuschauer dürfte deutlich höher sein als zwei Prozent Marktanteil.
Bricht tagesschau24 weg, liefern sich ARD und ZDF ihrer Konkurrenz aus – obwohl sie eigentlich konkurrenzfähig sind. Stattdessen hätte man über eine Zusammenlegung von funk, dem gemeinsamen Content-Netzwerk, und ZDFneo nachdenken können. Auch ein Umstricken von ZDFinfo hin zu einem Nachrichtensender wäre möglich gewesen. Doch stattdessen sendet man dort die nächste Folge „Besseresser“ (wie am vergangenen Sonntag) - und in Zukunft noch mehr Dokus, für die bei Phoenix kein Platz mehr sein soll.
Schließlich überlassen ARD und ZDF das Nachrichtensender-Feld komplett Axel Springer (WELT) und Bertelsmann (n-tv/RTL). Es wäre einfach, hier gestärkt auf die Marken tagesschau und tagesschau24 zu setzen und mit zuverlässigen, täglichen Nachrichtenstrecken das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Nachrichten zu stärken.
Nicht zuletzt würde man auch der Idee der Gründerväter des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems in Deutschland treu bleiben und auf werbefreie Nachrichteninhalte setzen, die nicht auf die Optimierung ihrer Quoten angewiesen sind.
by Ben Schöffel
