Houston, wir fliegen wieder - Die erste bemannte Mondmission nach über 50 Jahren

Feature

„Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2026. Dies sind die

Abenteuer des Raumschiffs Orion, das mit seiner drei Mann und ein Frau starken

Besatzung neun Tage lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen und

ausgeklügelte Techniken zu testen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt

Orion in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“





Was verdächtigt ähnlich klingt, wie der Anfang der Kultserie Star Trek, ist tatsächlich noch einmal Realität geworden. Mehr als 50 Jahre nach Apollo 17 ist die Menschheit wieder in Richtung Mond aufgebrochen: Mit der Mission Artemis II hat die NASA erstmals seit 1972 eine Crew auf eine bemannte Reise zum Erdtrabanten geschickt. Ziel war es, diesen im Rahmen eines sogenannten „Flybys“, also Vorbeiflugs zu erkunden und zentrale Systeme für künftige Missionen unter realen Bedingungen zu testen.

Nach neun Tagen im All kehrte die vierköpfige Besatzung erfolgreich zur Erde zurück. Am 10. April um 20:07 Uhr landete die Orion-Kapsel planmäßig im Pazifik vor der Küste von San Diego. Eine Crew, die neun Tage für große Begeisterung auf dem ganzen Erdball sorgte. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur die technischen Meilensteine der Mission, sondern vor allem die Menschen, die sie möglich gemacht haben.

Reid Wiseman, Christina Koch, Jeremy Hansen und Victor Glover

Denn bei der Crew gab es gleich mehrere Besonderheiten. Mit Christina Koch war erstmals eine Frau Teil einer Mondmission, Victor Glover war der erste Schwarze Astronaut auf diesem Flug. Jeremy Hansen wiederum repräsentierte als erster Kanadier die internationale Dimension des Artemis-Programms. Komplettiert wurde das Team von Pilot Reid Wiseman, dessen persönliche Geschichte der Mission eine zusätzliche, bewegende Ebene verlieh. Bereits im April 2023 hatte die NASA die Besatzung offiziell vorgestellt. Seither bereitete sich die Crew intensiv und über Jahre hinweg auf die Mission vor. Im Fokus standen dabei vor allem das technische Verständnis und das wiederholte Durchspielen aller entscheidenden Flugphasen, vom Start über den Mondvorbeiflug bis hin zum Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Ergänzt wurde das Training durch Notfallszenarien und praxisnahe Simulationen an Bord eines Orion-Modells.

Vier Astronaut:innen schreiben Geschichte

Alle vier Crewmitglieder bringen langjährige Erfahrung in der Raumfahrt mit, mit Ausnahme des Kanadiers Hansen waren sie bereits alle zuvor einmal im All. Doch diese Mission führt sie weiter von der Erde weg als je zuvor. Beim Flug in Richtung Mond erreicht die Crew eine Distanz von rund 406.000 Kilometern. Eine Größenordnung, die sich kaum greifen lässt. Bei der Apollo 17-Mission 1972 befand sich die Crew am weitesten Punkt knapp 400.000 Kilometer von der Erde entfernt. Die Artemis II Crew knackte diese, schon unvorstellbare Weite und erhöhte nochmal um 6.000 Kilometer, ungefähr die Strecke von Madrid bin New York. Zur Einordnung: Eine Erdumrundung am Äquator entspricht etwa 40.000 Kilometern. Die Crew entfernte sich also auf das Zehnfache dieser Strecke von ihrem Heimatplaneten; ein Abstand, bei dem die Erde selbst aus dem All nur noch als kleiner, blauer Punkt erscheint.

Der Start der Mission war ursprünglich für Februar 2026 vorgesehen, musste jedoch mehrfach verschoben werden; zunächst wegen technischer Probleme, später auch aufgrund ungünstiger Wetterbedingungen. Am 1. April um 18:35 Uhr hob die Orion-Kapsel schließlich vom Cape Canaveral in Florida ab und begann ihre Reise zum Mond. Weltweit verfolgten Tausende Menschen den Start, vor Ort so wie über Livestreams.

Die Mission selbst folgte einem klaren Ablauf: Zwei Tage Hinflug, fünf Tage um den Mond herum und zwei Tage zurück zur Erde. Als sogenannter „Flyby“ diente der Flug vor allem dazu, Systeme und Abläufe unter realen Bedingungen zu testen, ohne auf dem Mond zu landen. Genau darin liegt seine Bedeutung: Artemis II ist die Generalprobe für künftige Missionen, denn die NASA plant in den nächsten Jahren mit der Artemis IV-Mission eine erneute Mondlandung.

Langfristig verfolgt die NASA dabei noch größere Ziele, etwa den Aufbau einer dauerhaften Mondbasis als Ausgangspunkt für bemannte Flüge zum Mars. Gleichzeitig wächst der internationale Wettbewerb: Auch China arbeitet auf eine Mondlandung im Jahr 2030 hin. Welche Nation als nächste Menschen auf den Mond bringt, bleibt also abzuwarten.

Zwischen internationalem Fortschritt und Kritik

Die Artemis-II-Mission bringt die amerikanischen Raumfahrtpläne allerdings einen entscheidenden Schritt voran. Doch nicht nur die USA waren an der Mission beteiligt. Man kann die Mission eigentlich als internationales Gemeinschaftsprojekt sehen, an dem sogar Deutschland maßgeblich beteiligt war. So stammen zentrale Komponenten der Orion-Kapsel aus deutscher Entwicklung und Produktion, wie beispielsweise das Navigationssystem aus Jena oder das Servicemodul aus Bremen.

Doch eine solche Mission hat auch ihren Preis. Die Kosten der Artemis II-Mission werden auf rund vier Milliarden Dollar geschätzt. Diese Summe sorgt durchaus für Diskussionen. Und nicht nur die Kosten der Mission werden von einigen Menschen kritisch gesehen. Während weltweit viele Menschen den Start und die gesamte Reise der Crew begeistert verfolgten, bleiben kritische Stimmen nicht aus. Wie schon bei früheren Raumfahrtmissionen kursieren auch diesmal Verschwörungstheorien, die die Echtheit der Mission infrage stellen. Und das trotz der umfassenden öffentlichen Dokumentation und weltweiten Live-Übertragungen.

Die Crew, die Millionen bewegte

Doch die kritischen Stimmen konnten die riesige Fanbase nicht erschüttern, die die Artemis II Crew im Laufe ihrer Mission aufbaute. Allein der für die Artemis-Missionen eingerichtete Instagram-Account zählt inzwischen rund 5,6 Millionen Follower. Dort ließ sich der gesamte Verlauf, von den Trainings über den Start bis zur Rückkehr nahezu in Echtzeit mitverfolgen.

Auch das macht die Mission so besonders. Denn bei der letzten Mondmission 1972 gab es zwar im Vergleich zur Mondlandung 1969 bereits Farbfernsehen, doch von Livestreams und Social Media Posts in Echtzeit war man damals noch weit entfernt. Das Event war also nicht nur historisch, sondern auch so anfassbar wie nie. Umso besser kam es daher an, dass die Crew so herzlich, lustig und familiär miteinander umging. „We left as friends – we came back as best friends“. Das waren die Worte des Piloten Reid Wisemans auf der Pressekonferenz nach der Landung zurück auf der Erde. Das ist alles andere als selbstverständlich, wenn vier Menschen neun Tage lang auf engstem Raum leben, in nur etwa neun Kubikmetern, also auf ungefähr so viel Platz wie in einem VW-Campervan.

Offenbar hat die NASA bei der Nominierung der vier Astronauten alles richtig gemacht und sowohl Menschen gewählt, die sich untereinander bestens verstehen, als auch beim Publikum gut ankommen. Jeder der vier bewegte, überraschte oder unterhielt auf seine ganz eigene Art und Weise. Gemeinsam ergaben sie ein Team, das sich nicht nur technisch, sondern auch menschlich perfekt ergänzte. Während Christina Koch als einzige Frau an Bord ziemlich schnell nach Start zur Klempnerin werden und die defekte Toilette reparieren musste, sorgte Reid Wiseman sowohl an Bord als auch auf Planet Erde für Tränen. Der Pilot der Mission ist 50 Jahre alt und seit 6 Jahren alleinerziehender Vater zweier Töchter. Im Mai 2020 verlor er seine Frau Carroll an Krebs. Während der Mission erhielt die Crew die Gelegenheit, neu entdeckten Mondkratern Namen zu geben. Schnell einigten sie sich darauf, einen von der Erde aus gut sichtbaren Krater, nach Reids Frau Carroll zu benennen. Kurz nachdem die Crew diese Info über Funk an die Crew auf der Erde weitergab, lag sie sich in den Armen und weinte.

In den sozialen Netzwerken verbreitete sich die Szene rasch. Die Kommentare waren herzzerreißend und zeigten, dass auch Social Media manchmal ein Ort der Liebe, Wärme und Herzlichkeit sein kann. „Dear Carroll: you were truly loved to the moon and back…”, “I will never not cry at Carroll being a bright spot on the moon” oder “No matter how far you travel, there are things you carry in your heart until the end of universe” waren nur drei der unzähligen emotionalen Kommentare, die es danach in den sozialen Medien regnete. Generell waren sich viele einig, dass dort eine ganz besondere Crew zum Mond geschickt wurde: „They really sent the right people for this one”, schrieb eine Userin unter den Post.

“Moon Joy” und die Rückkehr der Menschlichkeit

So entstand rund um die Mission ein Gefühl, das die AstronautInnen selbst als „Moon Joy“ bezeichneten. Diese beschreibt das Gefühl intensiver Freude und Begeisterung, das nur eine Mondmission hervorrufen kann. Auch wenn wir auf der Erde das Gefühl nie auch nur ansatzweise nachvollziehen werden können, waren die vier wie dafür gemacht, dieses Gefühl auf die Erde hinunterzutransportieren. Auch nach der Rückkehr fanden sie dafür klare Worte. „It’s a special thing to be a human and it’s a special thing to be on planet earth“, sagte Wiseman. Auch Christian Koch ergänzte “A crew… is a group, that is in it, all the time no matter what… Planet earth you are a crew!”

Und so bringen die zurückgekehrten Astronauten dieser historisch wichtigen und innovativen Mission vor allem eins zum Ausdruck: Die Menschheit kann so Vieles schaffen, wenn sie zusammenhält. Allen Widersachern, Kritikern und Verschwörungstheoretikern zum Trotz.




Quellen:

MDR - Artemis II: Die wichtigsten Fakten zur ersten bemannten Mondmission seit Apollo | MDR.DE

DLR - Artemis II startet zum Mond – mit deutscher und europäischer Technologie an Bord

WDR - Was die Mondmission "Artemis 2" mit uns zu tun hat - Nachrichten

National Air And Space Museum - Meet the Crew of Artemis II | National Air and Space Museum

NASA –
NASA Updates Artemis II Wet Dress Rehearsal, Launch Opportunities - NASA

NASA Answers Your Most Pressing Artemis II Questions - NASA

New York Times - Artemis II Completes First Day of Its NASA Lunar Mission - The New York Times

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by Isabel Schüller

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