Cloud Dancer: Pantones Farbe und ihre politische Leerstelle

Pantone hat für 2026 einen weißen Farbton zur „Color of the Year“ erklärt. Offiziell steht „Cloud Dancer“ für Ruhe, Offenheit und einen Neuanfang. Doch die Entscheidung stößt auf Kritik. In sozialen Netzwerken und Feuilletons wird die Frage gestellt, ob ein Rückzug in ästhetische Neutralität in der aktuellen politischen Lage angemessen ist – oder selbst zur politischen Aussage wird.

Farben als Kommentar zur Gegenwart

Ein Blick auf frühere Entscheidungen zeigt, wie stark Pantone seine Farbwahl immer wieder in einen gesellschaftlichen Kontext gestellt hat – zumindest implizit.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde ein kräftiges Rot zur Farbe des Jahres erklärt. Rot, das sich als Symbol für Patriotismus lesen ließ, aber auch für Blut, Gewalt und Opferbereitschaft. In den 2010er-Jahren folgten Farben, die zunehmend auf Stabilität und Ausgleich setzten. Kurz vor Beginn der Corona-Pandemie kürte Pantone „Classic Blue“ – ein Ton, der laut Unternehmen für Vertrauen, Verlässlichkeit und Ruhe stehen sollte.

Nach den globalen Verwerfungen der Pandemie und den Protesten im Zuge von Black Lives Matter wurde diese symbolische Aufladung noch deutlicher. Grau und Gelb sollten 2021 Standhaftigkeit und Hoffnung ausdrücken, später folgten erdige, warme Töne, die Erdung, Gemeinschaft und emotionale Nähe versprachen.

Farben wurden so zu Projektionsflächen für kollektive Erfahrungen: Angst, Unsicherheit, Erschöpfung – aber auch Hoffnung.

„Cloud Dancer“ ist die Pantone-Trendfarbe des Jahres 2026

„Pantone 11-4201 Cloud Dancer“ lautet der vollständige Name der Trendfarbe des Jahres 2026. In seinem offiziellen Statement beschreibt das Pantone Color Institute den Farbton als „ein edles Weiß, das als Symbol für beruhigende Einflüsse in einer Gesellschaft dient, die den Wert der stillen Reflexion wiederentdeckt“. Weiter heißt es, Cloud Dancer sei ein „wogendes Weiß, das von Gelassenheit durchdrungen ist“, das für echte Entspannung und Fokus sorge und „Raum für gedankliche Weite“ schaffe, damit Kreativität atmen könne und Innovation entstehen dürfe.

Pantone knüpft damit bewusst an ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Entschleunigung und Reduktion an. Weiß wird nicht als Provokation inszeniert, sondern als ausgleichender Gegenpol zur Überforderung – als visuelle Pause in einer lauten, von Krisen geprägten Gegenwart. Anders als frühere Farben des Jahres setzt „Cloud Dancer“ nicht auf emotionale Zuspitzung, sondern auf Zurückhaltung.

Diese Zurückhaltung stößt jedoch nicht überall auf Zustimmung. Unter dem offiziellen Pantone-Posting auf Instagram bezeichnen einige Nutzer:innen den Farbton als langweilig oder wenig überraschend, vereinzelt wird sogar spekuliert, ob die Entscheidung bewusst provozieren solle. Pantone selbst weist diese Lesart zurück und betont, dass die Farbe des Jahres nicht aus einem spontanen Impuls heraus entsteht.

Vielmehr verweist das US-Unternehmen auf einen längeren Analyseprozess. Beobachtet würden zeitgenössische Tendenzen und Trendprognosen aus Mode, Design und Kultur, ebenso gesellschaftliche Stimmungen, politische Entwicklungen und sogenannte Mikrofarbtrends – feine Nuancen, die sich über längere Zeit hinweg abzeichnen und Hinweise auf größere kulturelle Verschiebungen geben sollen.

Ein Bruch mit der bisherigen Logik

Vor diesem Hintergrund wirkt die Entscheidung für Weiß wie ein Bruch. Denn Weiß ist keine neutrale Farbe. Sie ist historisch und kulturell aufgeladen, besonders in westlichen Gesellschaften.

Weiß steht für Reinheit, Ordnung, Unschuld – aber auch für Ausschluss, Normsetzung und Macht. In der Kunst kann Weiß Leere bedeuten, im gesellschaftlichen Diskurs jedoch selten Abwesenheit von Bedeutung. Gerade deshalb irritiert die Wahl von „Cloud Dancer“ in einer Zeit, die politisch stark polarisiert ist.

In den USA erleben konservative und rechte Bewegungen derzeit einen erneuten Aufschwung. Dabei wird „Whiteness“ nicht nur als Hautfarbe verhandelt, sondern als kulturelles Ideal: als Ordnungssystem, als Gegenentwurf zu Diversität, als vermeintlich bedrohte Norm. Symbole von Reinheit und Klarheit spielen in diesen Narrativen eine zentrale Rolle. Die Washington Post weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Wahl eines weißen Farbtons in der aktuellen politischen Lage zwangsläufig politisch gelesen werde – unabhängig von der ursprünglichen Intention.

Wenn Neutralität selbst politisch wird

Natürlich lässt sich argumentieren, dass eine Farbe nicht die Verantwortung für politische Entwicklungen trägt. Dass Design nicht jede gesellschaftliche Debatte mitführen muss. It’s not that deep.

Aber kulturelle Symbole wirken unabhängig von ihrer ursprünglichen Intention. Gerade weil Pantones Farbwahl global rezipiert wird, entfaltet sie Bedeutung – auch dort, wo sie nicht beabsichtigt war. Neutralität ist in diesem Fall keine Abwesenheit von Haltung, sondern eine Entscheidung für Zurückhaltung.

Besonders zugespitzt formulierte es das Design-Magazin ELLE Decor mit Blick auf den Trend zu neutralen Farbpaletten:


„When did we decide that the only appropriate response to difficulty was to retreat into neutrality?“



Ein leerer Raum bleibt selten leer. Er wird gefüllt – mit Deutungen, Interessen und Machtansprüchen.

Weiß als Symptom der Erschöpfung

Vielleicht sagt „Cloud Dancer“ deshalb weniger über die Zukunft aus als über die Gegenwart. Über eine Gesellschaft, die müde ist von Dauerkrisen, von Zuspitzung, von klaren Positionen. Weiß erscheint hier nicht als Vision, sondern als Pause. Als Wunsch nach Ruhe in einer Welt, die keine einfachen Antworten mehr bereithält.

Pantones Farbe des Jahres 2026 ist damit kein bloßer Designtrend. Sie ist ein Symptom – für den Rückzug ins Unverbindliche, für die Sehnsucht nach Beruhigung statt Einordnung.

Oder anders gesagt:
It’s not that deep.
Aber in diesem Fall ist es das eben doch.

by Lorena Schreiber

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